Ein kranker, ein böser Mensch...
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(TOP 500 REZENSENT)    (REAL NAME)    Rezension bezieht sich auf: Aufzeichnungen aus dem Kellerloch (Broschiert) "Ich bin ein kranker Mensch. Ich bin ein böser Mensch. Ein abstoßender Mensch bin ich" (7). So stellt sich der namenlose Erzähler von Fjodor Dostojewskijs Novelle "Aufzeichnungen aus dem Kellerloch" vor. Und eine angenehme Person scheint dieser Zeitgenosse wirklich nicht zu sein. Im ersten Teil der Aufzeichnungen zieht der Erzähler über alle Errungenschaften des 19. Jahrhunderts her und lässt auch kein gutes Haar an der Spezie des Menschen: "Ich schwöre ihnen, meine Herrschaften, daß zuviel Bewußtsein - eine Krankheit ist, eine richtige, regelrechte Krankheit" (11). Und nur wenig später fügt er hinzu: "Kann denn ein bewußter Mensch sich überhaupt noch irgendwie achten?" (21) Aus all diesen Gründen hat sich unser Misanthrop vor 40 Jahren entschlossen, sein Dasein allein in einem Kellerloch zu fristen, um sich dem widerlichen Menschengeschlecht zu entziehen. Die Beweggründe für diese Entscheidung skizziert er in seinen Aufzeichnungen.

Der zweite Teil "Bei nassem Schnee" beschreibt ein Schlüsselerlebnis des Erzählers aus jungen Jahren. Zufällig trifft er ein paar Schulbekannte wieder und lädt sich quasi selbst zu einem Abschiedsfest eines von ihnen ein. Der Abend gerät zu einer einzigen Demütigung. Durch sein egomanisches Verhalten bringt er die gesamte Gruppe gegen sich auf und wird schließlich allein zurückgelassen. Frustriert und im Suff sucht er ein Bordell auf, um seine Wut an einer Prostituierten auszulassen. Sein Opfer ist die zwanzigjährige Lisa und ihr gegenüberstehend empfindet der Erzähler plötzlich "die Gier nach Macht und Besitz. In meinen Augen flackerte die Leidenschaft, und ich drückte fest ihre Hände. Wie haßte ich sie, und wie zog es mich in diesem Augenblick zu ihr hin" (140). Doch Lisa zeigt ihm schließlich, was wahre moralische Größe bedeutet und führt ihm somit seine eigene Armseligkeit vor Augen.

"Aufzeichnungen aus dem Kellerloch" ist vor "Verbrechen und Strafe" erschienen. Und in der Tat lassen sich in dem Erzähler bereits Grundzüge des späteren Antihelden Raskolnikov erkennen. Dostojewskijs Fähigkeit, die Psyche eines Menschen mit literarischen Mitteln zu sezieren, bleibt bis heute unerreicht.
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 29. September 2007
Kundenrezensionen:
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