| |
Enttäuschend!
• • • • • (bewertet mit 3 von 5 Punkten)
Ist es ein Wunder, dass man in einer Zeit, in der niemand mehr an so etwas wie die wahre und einzig richtige Liebe glaubt, als junger Mensch kein richtiges Verständnis für die von Dostojewski vor über 150 Jahren verfasste Liebesgeschichte "Weiße Nächte" aufbringen kann? Wie soll ich nachvollziehen, wenn der namenlose Ich-Erzähler plötzlich von Schuldgefühlen befallen wird, weil er sich im Geiste in die Frau verliebt hat, die einen anderen liebt, während ich selbst in einer Zeit lebe, in der die Menschen nicht mal ein schlechtes Gewissen haben wenn sie zum Beispiel ein intimes Verhältnis mit der Frau ihres besten Freundes anfangen? Ist es nicht unglaubwürdig, dass eine junge Frau, die nie eine richtige Schulerziehung genossen hat, auf emotional-geistiger Ebene Verständnis für die Worte eines intellektuellen einzelgängerischen Träumers aufbringt, so wie Nastenka es hier dem namenlosen Ich-Erzähler gegenüber tut? Hätte eine Stadt wie St. Petersburg und eine Zeit wie die "Weißen Nächte" des nordischen Mittsommers nicht mitunter die Möglichkeit geboten, um auf literarischer Ebene wenigstens lokale Romantik zu erzeugen, wenn dies in der Erzählung zwischen den einzelnen Charakteren aufgrund der Geschichte schon nicht möglich ist? Ist es nicht enttäuschend, einen Liebesroman zu lesen, in dem es keine richtige Atmosphäre gibt und man die erzählte Geschichte aufgrund der veränderten Moralvorstellungen nicht mehr richtig nachvollziehen kann?
Eine Rezension von Tobias G. "Schuyler Schultz II" > Hamburg
vom 30. Juni 2010 |