|
| Zapiski pokojnika. Aufzeichnungen eines Verstorbenen von
|
| |
Gallenbittere Satire (nicht nur) aufs Theater
• • • • • (bewertet mit 5 von 5 Punkten)
Alle meine Rezensionen ansehen Rezension bezieht sich auf: Zapiski pokojnika. Aufzeichnungen eines Verstorbenen (Taschenbuch) Der Arbeitstitel dieses Romanfragments lautete "Teatral'nyj roman" ("Theaterroman") -- und tatsächlich nimmt Bulgakov hier die Verschrobenheiten der Theaterschaffenden im allgemeinen und die Eitelkeiten der Macher am "Moskauer Künstlertheater" (MChaT) im besonderen nach allen Regeln der Kunst auseinander; noch nicht einmal der große Stanislavskij (der langjährige Regisseur des MChaT, zusammen mit Nemirovic-Dancenko) samt der nach ihm benannten Methode bleibt verschont (oder besser: Er kriegt die volle Breitseite ab). Dass Bulgakov hierbei auf leidvolle eigene Erfahrungen als Dramenautor zurückgreifen konnte, und dass etliche Romanfiguren höchst reale Vorbilder haben, erhöht das Vergnügen unbedingt. Aber auch ohne Kenntnisse über diesen Hintergrund ist "Zapiski pokojnika" ein Genuss für alle, die geistreiche Satiren lieben.
Man liest also, wie der Titel verrät, die nachgelassenen Aufzeichnungen eines unbekannten Dramenautors, von denen sich der fiktive Herausgeber in einer kurzen Einleitung nach Kräften distanziert; schließlich findet das Ganze im Moskau Stalins statt, und da kann man nicht vorsichtig genug sein. Bereits diese Rahmenerzählung ist gespickt mit kleinen Seitenhieben auf Opportunismus und Rückgratlosigkeit des sowjetischen Literaturbetriebs, auch wenn Bulgakov hier noch nicht so deutlich wird wie später in "Master i Margarita" ("Der Meister und Margarita").
Vor allem aber geht es um die ergreifenden Erlebnisse des hoffnungsvollen jungen Autors Sergej Leontevic Maksudov. Der lebt still und bescheiden als Hilfsredakteur der Zeitschrift "Vestnik parochodstva" ("Dampfschiffahrtsnachrichten") vor sich hin, bis ihn eines Tages der literarische Ehrgeiz packt: Er schreibt einen Roman, "Cernyj sneg" ("Schwarzer Schnee"). Und nun schlägt das Schicksal zu: Sein "Schwarzer Schnee" wird in einer obskuren Zeitschrift veröffentlicht. Bereits diese Veröffentlichung beschert ihm die deftigen Sticheleien und Schienbeintritte der literarischen Platzhirsche, die ängstlich ihre Pfründe verteidigen. Aber es kommt noch besser, bzw. schlimmer: Ein Chefregisseur des renommierten "Nezavisimyj teatr" (gemeint ist das Moskauer "Künstlertheater") will eine Dramatisierung von "Cernyj sneg" inszenieren. Maksudov, liebenswürdig und naiv, nimmt das Angebot begeistert an und macht sich an die Umarbeitung seines Romans. Und seine nun über ihn hereinprasselnden Fährnisse in den Abgründen des Theaters hält er in seinen Aufzeichnungen fest. Was er hier begeistert und unschuldig mit großen Augen beobachtet, ist für den Leser ein Feuerwerk bitterster Satire: Maksudov wird zum Spielball der theaterinternen Intrigen und Grabenkämpfe, er lernt die auserlesenen Verschrobenheiten der Theatergranden nur zu gut kennen, unterschreibt einen Knebelvertrag, überliefert treuherzig die grandiose Selbstüberschätzung der Theaterschaffenden (genial etwa ist die Gemäldegalerie am Treppenaufgang; hier wechseln in bunter Folge Klassiker der Dramenliteratur mit Porträts der örtlichen Maskenbildner, Regisseure etc.); und er erlebt die grotesken Auswüchse der Stanislawski-Methode: Der große Ivan Vasil'evitc (= Stanislawskij) missbilligt ausgerechnet die Schlüsselszene des ganzen Stücks, die seiner eigenen Schauspielmehode zuwiderlaufe, und verlangt eine widersinnige Umarbeitung. Außerdem müssen die Rollen umgeschrieben werden, denn die altgedienten Platzhirsche der Schauspielerschaft wollen die Hauptrollen, auch wenn sie dafür gut und gern 30 Jahre zu alt sind... Welche satirische Lawine das nach sich zieht, kann man sich vielleicht denken -- aber wie Bulgakov das en gros und en détail ausbreitet, das ist unbeschreiblich. Hinzu kommen Einblicke in die nicht allzu hehren Interna des Moskauer Literatur- und Theaterbetriebs der 30er Jahre, verpackt in wunderbare satirische Szenen, und vieles mehr. Eine der herrlichsten Szenen des "Zapiski pokojnika" ist das Eingreifen des hochverehrten Ivan Vasil'evitc in die Proben zu "Cernyj sneg" -- auf die völlig unsinnige Forderung des Maestro, der jugendliche Liebhaber solle seiner Angebeteten seine Liebe radfahrend ausdrücken, um so sein Nacherleben der Rolle zu verdeutlichen, folgt eine seitenlange akrobatische Slapstick-Einlage, die der Aufführung eines Charlie Chaplin, Karl Valentin oder Jaques Tati würdig wäre. Hier zieht Bulgakov alle Register... und nicht nur hier.
Für Theaterbegeisterte sind die "Zapiski pokojnika" sicher ein ganz besonderer Genuss, denn vieles hier ist nicht nur Satire mit konkretem Bezug, sondern beruht auf dem Menschlich-Allzumenschlichen und dürfte daher in jedem Theaterbetrieb so oder anders wiederzufinden sein. Aber gerade dieses Feuerwerk an nur notdürftig mit künstlerischem und Erhabenheits-Anspruch kaschierten Eitelkeiten und Dummheiten macht die diesen Roman zum Lesegenuss auch für alle anderen, Theaterfernen mit Sinn für eine Satire, die mit allerfeinsten Nadelstichen gearbeitet ist.
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 4. Juni 2007 | | |
| | | | | | | Kundenrezensionen: | | | 1. | Gallenbittere Satire (nicht nur) aufs Theater (die aktuell angezeigte Rezension) |
| | | Zur Übersicht ... |
 |  |  |  |  |  | | |
| |
Angebote zu , , ab 1 Euro!
|
| Sonstige Artikel: |
|
| Die Schopenhauer-Kur: Roman Kanzleiführung in der Steuerberatung: Nutzung strategischer Erfolgspotenziale CUDA by Example: An Introduction to General-Purpose GPU Programming
|
| | Mehr zu Russisch, Russisch
|
| | Home ..., , Begleitseite ... |
|
|
| | Herausgeber dieser Seite ist DomainLoc.com GmbH - Partner von |
Copyright © DomainLoc.com GmbH (Impressum) |
| |