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Dostojewskij: Die Brüder Karamasow

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Inzwischen war Smerdjakow, aus seinem Krankenbett gestiegen, denn er hatte tatsächlich einen Anfall vorgespielt, lief ganz heimlich, vorbei an dem verletzten Grigorij, zu dem Vater ins Haus, und erschlug ihn von hinten mit einem gusseisernen Briefbeschwerer, er nahm auch die dreitausend aus dem Briefumschlag. Nun, während Mitja in Mokroje sein Herz Gruschenka hingab, und sie ihm ihres, denn den Polen hatte sie nach Polen zurück geschickt, wurde es in der Stadt hell, die Polizisten waren in Aufruhr. Es war völlig einleuchtend, dass Dimitrij Fjodorowitsch seinen Vater umbracht hatte, und es galt jetzt ihn vom Selbstmord abzuhalten, so stürmten die Behörden nach Mokroje.

Um Fünf Uhr morgens endet mit der Verhaftung Dimitrijs die Haupthandlung, und geht in die Rekapitulation des Gerichtsprozesses über. Mit dessen Analyse die Interpretation der Handlung aufgebaut wird.

Dostojewskij bietet dem Leser zwei verschiedene Arten an sein Werk zu verstehen, eine realistische und eine allegorische. Wobei das Gericht einen Fehler begeht aber auch gleichzeitig richtig urteilt, ohne dass man von einem logischen Widerspruch sprechen kann.

Auf der realistischen Ebene begeht die Justiz einen Irrtum, den nicht Dimitrij, sondern Smerdjakow hatte gemordet. Auf der versinnbildlichten Ebene, stehen vier Komponenten eines einzigen Angeklagten vor den Geschworenen. Denn Dostojewskij hat jeden der Brüder mit einem bestimmten menschlichen Typ versehen, und jede dieser Komponenten wird von Dostojewskij mit einer bestimmten Haltung zur bösen Tat gekoppelt. Betrachten wir die Brüder und ihre Versinnbildlichung, so steht Alexej als Mönch für die Keuschheit, Iwan, der intellektuelle Grübler, ist verantwortlich für den Realismus, Dimitrij, als der draufgängerische Soldat, für die Emotion, und der mutmaßliche Stiefbruder Smerdjakow ist der Lakai. [1] Auf dieser allegorischen Ebene werden diese vier Teile einer Person, die die böse Tat verübt hatte vor ihr persönliches Gericht, das Gewissen, wobei der Verteidiger und der Staatsanwalt als die argumentierenden Kräfte innerhalb dieses Gewissens gesehen werden, gestellt. Die Aufgabe des Gewissens ist nun zu urteilen welche Komponente für die Tat verantwortlich ist.[2] Es stellt sich die Frage: warum spricht der innere Richter in Gestalt der Geschworenen ausgerechnet die Komponente Dimitrij schuldig? Dostojewskij macht uns sozusagen zu Zeugen dessen was in einem Menschen vorgeht. Zunächst schauen wir auf die Einstellung der Hauptakteure zur Tat: Nun, Alexej sagt, als Iwan ihn auf den gewollten Vatertod anspricht, bestürzt, dass wenn Iwan anfängt davon zu sprechen wäre es ihm so, als ob ihm auch schon der Gedanke dazu gekommen wäre. Alexej symbolisiert hier die unterbewusste Bejahung des Mordes, Iwan die insgeheime Bejahung, Dimitrij, die offene Bejahung, Smerdjakow ist der Ausführer, die Exekutive. Wieso spricht also das Gewissen Dimitrij schuldig? . Nach Dostojewskijs Ansicht, durchläuft also der böse Wunsch eine Kette von Station, vom Aufkeimen, bei Alexej, wo eine Idee eines solchen Gedanken, sofort vernichtet wird, über zu Iwan, indem dieser Gedanke analysiert, doch niemals ausgesprochen wird, in Dimitrij fasst sich dieser Gedanke zum Drang, der Wunsch wird ausgesprochen, und schließlich an Smerdjakow übergeben, wo der böse Wunsch zur Wirklichkeit wird. In der Nacht vor der Gerichtsverhandlung, vor dem Urteil des Gewissens, nachdem Smerdjakow seine Tat Iwan gebeichtet hat, erhängt sich Smerdjakow, völlig nach Zeitplan, in vollem Wissen, den hier verschwindet dieser teuflische Gedanke, der am Zeitpunkt des Mordes da war, völlig. Das Gericht glaubt der Aussage Iwans über das Geständnis Smerdjakows nicht, so wird das richtige allegorische Urteil gefällt: Dimitrij ist schuldig. Denn erst durch den starken Willen Dimitrijs, kann Smerdjakow einschreiten und die Tat vollbringen. Mit einem Wort: Der teuflische Wunsch hat die Phasen des Aufkeimens, der insgeheimen Bejahung und der offenen Bejahung durchlaufen, um sich verwirklichen zu können. Projiziert auf die Charaktere, verlängert der Lakai, des Soldaten, in Übereinstimmung mit dem Intellektuellen, Arm ins Wirkliche. Dass die erste Komponente Alexej nicht zur Tat ausreicht, ist nicht die Frage, aber auch die Komponente des Iwan reicht nicht allein dazu aus, Smerdjakow ist also allein von Dimitrij abhängig. In einer Welt also, die keinen Dimitrij kennt, ohne die Emotion, so argumentiert Dostojewskij, gäbe es keinen solchen Mord. Man sieht dass, Dostojewskij die Differenzierung zwischen Alexej-Iwan und Dimitrij-Smerdjakow, schon bei den Verwandtschaftsverhältnissen beginnt: Alexej (19 Jahre) und Iwan (23 Jahre) stammen aus Fjodor Pawlowitschs zweiter Ehe mit der sanften, hysterischen Sofia Iwanowna, während Dimitrij (27 Jahre) in Fjodor Pawlowitschs erster Ehe, mit der heißblutigen Adelaida Iwanowna, geboren wurde. Der mütterliche Anteil bei Alexej und Iwan ist die Vergeistigung, und eine Scheu vor der Aktion. Der väterliche Anteil, bei den Brüdern, ist das Ungetüm, der unüberwindbare Drang nach Leben. Bei dem Fall Smerdjakow wird eine solche Allegorie sehr deutlich, denn er hat eine ungewisse Herkunft, wobei Fjodor Pawlowitsch gerüchteweise als Vater hingestellt wird. Das trennt ihn von den reinen Empfindungen der Titelgestallten und soll bedeuten, dass der Exekutor des Bösen im Menschen nicht in einem wahren Verwandtschaftsverhältnis zu den Gefühlen im Menschen steht.[3] Smerdjakows Selbstmord wird, zeigt ebenso dass dieser Lakai nicht zum aufrecht menschlichem Sein gehört. Er entzieht sich mit dieser Tat der Verantwortung. Auch Dimitrij wollte sich in jener Nacht seiner Verhaftung umbringen, jedoch aufrichtig und nicht aus Flucht, erkannte schließlich, dass der Mensch sich nicht seiner Schuld entziehen kann, besonders weil er zu diesem Zeitpunkt das ihm vorgeworfene Verbrechen nicht kannte. Auch an den zugeordneten Frauengestalten lässt Dostojewskij den Leser die Differenzierung erkennen: Dimitrij ist verliebt in die schlagfertige Gruschenka, Iwan in die stolze Katharina Iwanowna, die ihm Dimitrij übergeben hatte, Alexej in die lahme Liese, während Smerdjakow mit einer Magd, die Parodie einer Liebesbeziehung führt.

Die Bestätigung der ganzen Allegorie lässt sich auch darin finden, wenn man betrachtet wo die Brüder zum Zeitpunkt des Mordes waren. Alexej war im Kloster, ich will hier nachträglich den Tod des Starez erwähnen: Nach dem Tode seines leiblichen, wie auch seines geistigen Vaters, wurde Aljoscha auf seine eigenen Beine gestellt. Nun hat Alexej zum Zeitpunkt des Mordes, abgeschlossen vom weltlichen Treiben, Gott gepriesen. Iwan war in einer anderen Ortschaft, er wollte sich die Tat nicht ansehen. Und schließlich Dimitrij, er war ganz nahe an des Vaters Gurgel.

Dimitrij wird zu zwanzig Jahren Zuchthaus verurteilt, und er will diese Strafe auf sich nehmen, obwohl er immer noch von seine Unschuld behauptet. Er nimmt die Strafe nicht wegen der realistischen "Gedankensünde", sondern für die faktische Erwirkung des Verbrechens, auf sich.

Soviel zur Skizierung der Problemstellung.

 

  
Arme Leute. (Taschenbuch)
von Fjodor M. Dostojewskij,
Hermann Röhl
Siehe auch:
Weiße Nächte. Eine Liebesgeschichte.
von Fjodor M. Dostojewskij
Die Sanfte. Eine phantastische Erzählung
von Fjodor M. Dostojewskij
Aufzeichnungen aus dem Kellerloch.
von Fjodor M. Dostojewskij
Sämtliche Romane und Erzählungen: Erniedrigte und Beleidigte. Ein Roman in vier Teilen
von Fjodor M. Dostojewskij
 
    
     
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